„Kein Job, sondern eine Herzenssache“
Allgemein | 13. Jun 2017

Horst Bredemeier hört auf – ein einmaliger Manager

Der „graue Wolf“ verlässt sein Rudel – zumindest was die Bundesliga angeht. Horst Bredemeier geht nach 20 Jahren als Manager und später auch Geschäftsführer in Handball-Rente. Er war ein Manager, wie es ihn wohl nicht noch einmal gibt: Schlitzohr, Menschenfänger, Handball-Ikone. „Hotti“ war über Jahrzehnte das Gesicht von GWD, aber selbst mit seinen 65 Jahren ist er noch nicht müde. Jetzt will er sich noch ein paar Jahre um den Hauptverein und die jungen Talente kümmern. Zum Abschied erzählt Bredemeier noch einmal ein paar Geschichten. Und wenn „Hotti“ loslegt, könnte man ihm stundenlang zuhören.

Hotti Bredemeier, 20 Jahre GWD Minden. Was fällt Dir kurz und knapp ein zu dieser unglaublich langen Zeit?

Das geht nicht so kurz und knapp. Das war eine sehr intensive Zeit. 1997 und 2004 standen wir jeweils vor dem wirtschaftlichen Kollaps. Das war natürlich unglaublich belastend und auch der permanente Abstiegskampf zehrt an den Nerven. Aber die vielen Erlebnisse, das Umfeld bei GWD und die Arbeit mit den vielen jungen Leuten hat mir unglaublich viel Spaß gemacht.

Was bedeutet Dir GWD Minden?

Das ist mein Verein. Er gehört mir nicht, aber ihm gehört mein Herz. Ich bin hier mit 27 Jahren Bundesliga-Trainer geworden, bin in Dankersen neben dem Sportplatz zur Welt gekommen und mit den ganz großen Idolen aufgewachsen. Das war für mich alles kein Job, sondern eine Herzenssache.

Dein großes Ziel war es immer, GWD wirtschaftlich gesund als Erstligist zu übergeben. Das wirst Du schaffen. Bist Du stolz?

Ich bin nicht stolz, aber zufrieden. Es gab ja auch Rückschläge. Aber wenn wir in den kommenden 20 Jahren weiter in der 1. Liga spielen, dann sind wir alle happy.

Wie sehr haben die beiden Abstiege 2010 und 2015 an Dir genagt?

Überhaupt nicht. Solche Rückschläge sind normal im Sport. 2010 sind wir verdient abgestiegen, 2015 waren wir kein richtiger Absteiger. Ich muss den Partnern danken, dass sie das auch so gesehen und alles dafür getan haben, damit wir sofort wieder aufsteigen konnten.

Du hast im Sommer gesagt, dass sich die Fans auf eine harte Saison einstellen müssen. Bist Du überrascht, wie souverän alles gelaufen ist?

Wir hatten mit dem Sieg in Lemgo einen guten Einstieg. Das war sehr wichtig. Es war eine gute Saison, aber komplett zufrieden war ich nicht. Die Schwankungen waren zu groß, die hohen Niederlagen haben mich geärgert. Die Siege gegen Magdeburg und Leipzig waren dafür tolle Entschädigungen.

Es wird ab sofort nur noch zwei Absteiger geben. Wie wird sich die neue Regelung auf den Verein auswirken?

Für GWD bedeutet das einfach mehr Planungssicherheit in sportlicher und wirtschaftlicher Hinsicht.

Was hat sich in 20 Jahren Profi-Handball verändert?

Eigentlich alles. Ich habe ja quasi verschiedene Epochen miterlebt. Wir haben unsere starke Position der 70er-Jahre nicht genutzt. Und dann ist aus der Dorfsportart Handball eine Stadtsportart geworden. Das hat alles verändert. Schön, dass wir noch immer dabei sind.

Wie viele Freunde nimmt man mit, wenn man so ein Haifischbecken Profi-Sport verlässt?

Darum ging es mir nicht. Es war natürlich toll gegen Trainergrößen wie Anatoli Jewtuschenko, Bengt Johansson und Valero Rivera anzutreten. Aus dem Sportumfeld sind privat Uwe Schwenker, Heiner Brand und Gerald Oberbeck richtige Freunde geworden. Günter „Tiger“ Gieseking ist über viele Jahre mein bester Freund, der mich im privaten und im sportlichen Umfeld begleitet.

Was waren die härtesten Momente in den vergangenen 20 Jahren bei GWD?

Ganz klar die Abstiege und der chronische Geldmangel. Aber wir haben alle unsere Schulden zurückbezahlt. Auch in den schweren Zeiten konnte ich Leute wie Peter Rauch, Rainer Thomas, Rudi Wachenfeld, Jörg Bentz oder Hermann Gärtner immer begeistern. Und dann haben wir das durchgezogen. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar.

Stimmt es, dass Du in den schwierigsten Zeiten auch mal dein eigenes Haus als Sicherheit bei der Bank hinterlegt hast?

Nicht ganz. Aber ich war schon immer wieder mit Bürgschaften dabei. Ich wusste ja, dass ich das Geld nicht versenke und musste als Manager Verantwortung übernehmen.

Was war in den schwierigsten Zeiten besonders wichtig?

Dass wir neue Strukturen geschaffen haben. Wir haben die Bundesliga-Abteilung ausgegliedert und es trotzdem geschafft, die Jugendleistungsförderung beizubehalten. Es war ganz wichtig, den Beirat mit unseren tollen Unterstützern zu schaffen. Porta Möbel oder Melitta sind echte Partner, Unterstützer der ersten Stunde. Und seit 2007 ist die Familie Harting wie ein Sechser im Lotto für uns.

Waren die Umbenennung und der Gang nach Hannover 2004 ein Fehler?

Nein, das musste sein, weil wir sonst insolvent gewesen wären. Uns haben eine Million Euro gefehlt, die haben wir in Hannover bekommen. Als es dann nicht mehr gepasst hat, haben uns unsere Partner in Minden geholfen.

Gibt es einen schönsten Moment aus dieser ganzen Zeit?

Der emotionalste Moment war sicherlich der Sieg in Flensburg 2008. Da waren wir eigentlich schon abgestiegen. Solche Geschichten schreibt nur der Sport.

Auf welche Spielerverpflichtung bist Du besonders stolz?

Leute wie Duschebajew oder Tutschkin zu verpflichten, war toll. Das wäre heute nicht mehr möglich. Viel Spaß hatte ich an Verpflichtungen wie Martin Frandesjö oder Dima Kusilew. Spieler, die kaum einer kannte, aber überragend waren.

Rente mit 65 – Du machst wirklich ernst. Fällt es schwer loszulassen?

Überhaupt nicht. Ich habe das ja lange vorbereitet und es war klar, dass jetzt endgültig Schluss ist.

Was wird Dir am meisten fehlen?

Mir wird nichts fehlen. Es geht ja für mich an der Olafstraße weiter. Ich will als Vorsitzender dem Hauptverein weiter helfen. Das wird eine tolle Aufgabe.

Was hast Du als GWD-Vorsitzender noch vor?

Wir müssen unsere starke Jugendarbeit festigen. Die Konkurrenz wächst. Wir müssen noch mehr Spieler bis in die Bundesliga bringen. Dafür will ich jungen Leuten Perspektiven aufzeigen und für sie da sein.

Was viele Fans vielleicht gar nicht wissen: Du hast seit Jahren kaum ein Bundesligaspiel wirklich live gesehen, sondern Dich in den Katakomben verkrochen oder bist draußen spazieren gegangen. Warum?

Ich sehe so alle zwei Wochen ein Bundesligaspiel live. Allerdings nicht bei GWD, sondern in Lemgo, Lübbecke oder Hannover. Bei unseren Spielen halte ich die 60 Minuten nicht mehr durch.

Was machst Du während der Spiele wirklich?

Ich laufe nervös in der Halle rum. In Minden habe ich viel Zeit auf der Tartanbahn verbracht. Ich bin nicht sehr religiös, aber da habe so manches Mal gebetet. Nicht gegen Kiel, aber in den wichtigen Duellen. Da habe ich dann gesagt: „Lieber Gott, bitte gib uns die zwei Punkte gegen Balingen. Wir brauchen sie so dringend. Dann lasse ich dich auch wieder sechs Wochen in Ruhe.“ Verrückt, aber so war das manchmal.

Was willst Du mit Deiner freien Zeit jetzt anfangen?

Ich habe genug zu tun. Es gibt drei Frühstücksgruppen, wo über GWD gefachsimpelt wird, mein Sohn Heinrich spielt bei GWD in der C-Jugend Oberliga. Mir wird garantiert nicht langweilig.

© GWD Minden – Interview: Stefan Rüter

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