„Einfach nur Kopfsache“
Bundesliga | 06. Dez 2014

Goran, wie sehr nerven Dich in dieser Saison die Auswärtsspiele?
Hätten wir einfach nur in Balingen, Bietigheim oder beim Bergischen HC gewonnen. Mit zwei Punkten mehr wäre alles ganz in Ordnung.

Aber es waren auch einige heftige Pleiten dabei. Warum spielt Deine Mannschaft in fremden Hallen manchmal Katastrophen-Handball?
Ich kann das beim besten Willen nicht erklären. Ich habe viel mit den Spielern gesprochen, aber die haben auch keine Erklärung dafür. Wenn wir zu Hause alle Spiele gewinnen, kann ich mit unserer Auswärtsschwäche leben.

Wie kann man gegen dieses Problem antrainieren?
Das ist einfach nur Kopfsache. Wir müssen auswärts mal richtig gut spielen und damit eine Serie starten. Es fehlen einfach das Selbstvertrauen und die Sicherheit. Aber irgendwann werden wir es schaffen. Das ist nur eine Frage der Zeit. Die Stimmung in der Mannschaft ist sehr gut. Aber wir müssen auswärts endlich mal punkten.

Letzte Saison habt Ihr drei Auswärtssiege geholt. Warum klappt es plötzlich nicht mehr?
Dafür gibt es schon Erklärungen. Wir haben drei neue Feldspieler bekommen. Nur einer von ihnen konnte deutsch. Das braucht dann alles etwas mehr Zeit. Und dann kommen die vielen Verletzungen dazu. Wir haben noch nie komplett gespielt und kommen immer wieder aus dem Rhythmus. Da muss ich meine Mannschaft in Schutz nehmen.

Wann holt Ihr die nächsten Auswärtspunkte?
Wir werden das auf die Reihe bekommen. Spätestens ab Februar. Dreimal haben wir auswärts sehr, sehr schwach gespielt. Meist nach guten Leistungen im Spiel davor. Das ist kaum zu verstehen.

Balingen, Bietigheim, Hannover, Lemgo, Melsungen: Fünf zum Teil heftige Niederlagen bei Gegnern auf Augenhöhe. Spielen Euch die Nerven einen Streich?
Immer, wenn die Situation richtig kritisch wird, zeigen wir die besten Leistungen. Wir waren auch auswärts in Göppingen top, hatten in Balingen und beim Bergischen HC etwas Pech. Aber man darf natürlich nicht so spielen wie in Melsungen. Das geht einfach nicht.

Du warst selbst ein Weltklasse-Handballer. Wie hast Du es Dir damals erklärt, wenn Du einen schlechten Tag hattest?
Man kann Weltklassehandballer wie Jicha oder Palmarsson nicht mit normalen Bundesliga-Handballern vergleichen. Top-Spieler haben es einfach drauf, egal wo sie spielen. Normale Mannschaften haben es auswärts sehr schwer. Da bringen sie selten die gleiche Leistung wie zu Hause.

Verzweifelst Du manchmal an der Seitenlinie?
Ja, das ist so. Ich merke das, wenn ich Spieler einwechsle und sie dann nicht ihre Leistung zeigen, weil sie nicht bereit sind oder zu viel Druck haben. Das ist schwierig.

Was gibt Dir Hoffnung für die nächsten Spiele?
Richtig Hoffnung macht mir, dass wir zuletzt fast komplett trainieren konnten. Dann hat man auch eine vernünftige Vorbereitung. Die Mannschaft ist voll motiviert und es macht richtig Spaß.

Wie erklärst Du Dir solche Glanzleistungen wie gegen die Füchse oder gegen Hamburg?
Wir waren gegen den HSV stark unter Druck. Immer dann ist die Mannschaft super. Scheinbar brauchen wir diesen Nervenkitzel für unsere beste Leistung. Aber der HSV und die Füchse hatten auch nicht ihren besten Tag und schwache Torwart-Leistungen.

Was sind momentan Eure größten Probleme?
Wir haben bis vor kurzem zwei Monate lang kaum vernünftig trainieren können. Wir hatten Verletzte, Kranke und beim Training waren höchstens zehn Spieler. Manchmal mussten unsere Torhüter in der Abwehr spielen. Wir sind nicht Kiel oder die Rhein-Neckar Löwen. Wir müssen trainieren, trainieren, trainieren.

Mit Magnus Jernemeyr hast Du einen neuen Weltklasse-Abwehrspieler bekommen. Ist er die perfekte Hilfe?
Er wird die perfekte Hilfe werden. Natürlich müssen erst die Automatismen greifen. Magnus spricht sehr viel. Er ist ein Abwehrstratege, ein Chef. Er bringt uns weiter.

Hast Du erwartet, dass die Aufsteiger so stark sind?
Ich weiß nicht, ob sie wirklich so stark sind. Der Bergische HC hat vergangene Saison ganz schnell 15 Punkte geholt, alle waren erstaunt. Dann sind aber nur noch sieben dazu gekommen. So ähnlich wird es auch den jetzigen Aufsteigern ergehen. Irgendwann kommen die Niederlagen.

Du wolltest den Sprung ins Mittelfeld schaffen, jetzt steckt Ihr mitten im Abstiegskampf. Haben sich Deine Ziele verändert?
Überhaupt nicht. 28 bis 30 Punkte bleiben unser Ziel. Wir wussten, dass sich das Team erst einspielen muss. Es wäre toll, wenn wir am Ende Elfter werden. Aber Priorität hat, dass wir drei, vier Punkte mehr holen als vergangene Saison.

Sehen wir in der Rückrunde eine ganz andere GWD-Mannschaft?
Wir werden ganz sicher besseren Handball spielen. Die Mannschaft hat bereits Konturen und wir werden weitere Möglichkeiten dazu bekommen. Aber wir dürfen zum Beispiel von Bibi nicht gleich das Top-Niveau erwarten. Er war lange verletzt.

Es ist Deine zweite Saison bei GWD. Zieh doch bitte ein Fazit unter die bisherige Zeit!
Ich bin mehr als zufrieden mit dem Verein, mit der Situation. Ich freue mich unheimlich, in Minden zu sein. Hier lieben die Menschen ihren Verein, leiden und feiern mit ihm. In der ersten Saison habe ich gute Leistungen mit der Mannschaft gezeigt. Jetzt wollen wir diese 28 Punkte schaffen. Wir haben eine gute Mannschaft und wollen in Zukunft richtig angreifen. Nicht ganz vorne, aber auf jeden Fall das Mittelfeld.

Was gefällt Dir am besten an GWD?
Der Verein insgesamt, die soliden Finanzen, die guten Trainingsmöglichkeiten.

Was macht die größten Probleme?
Mich ärgert manchmal, dass die Leute im Umfeld zu schnell unzufrieden werden. Dann reden sie schlecht über den Trainer und die Spieler. Das ärgert mich und ich nehme das sehr persönlich. Man muss immer hinter dem Verein stehen, auch wenn es mal nicht so läuft. Und wenn wir ein paar richtig gute Spiele zeigen, sollte die Halle aus allen Nähten platzen.

Wo siehst Du Dich und den Verein in zwei oder drei Jahren?
Wenn es so weiter geht und das Niveau der Liga so bleibt, ist vieles möglich. Platz sieben oder acht wäre toll. Das ist mein Wunsch.

Gibt es bereits Gespräche über eine Vertragsverlängerung?
Noch nicht. Es ist noch Zeit bis zum Sommer, aber ich würde gerne bleiben.

Du hast 17 Spieler im Erstliga-Kader: Das hört sich ja eher nach einer Fußball-Mannschaft an.
Wenn man in der Champions League spielt, braucht man so viele Spieler. Bei uns ist es die Situation dagegen nur durch die vielen Langzeitverletzten entstanden. Das wird nächste Saison sicher nicht mehr so sein.

Morgen trefft Ihr auf einen der besten Vereine der Welt. Was ist drin gegen den THW Kiel?
Was drin sein muss. Eine richtig gute Leistung. Wir müssen volles Engagement zeigen. Das ist alles, was ich gegen Kiel verlange.

Kann man den THW überhaupt besiegen?
Ja, das kann man. Lemgo und Balingen haben es gezeigt. Auch Kiel ist noch nicht perfekt eingespielt. Aber individuell sind sie so stark, dass sie in der Liga jede Mannschaft mit zehn Toren schlagen können.

Morgen ist der zweite Advent. Zeit für ein paar Wünsche. Wie viele Punkte müssen noch her in den fünf Spielen bis zur Winterpause?
Minimal vier Punkte. Dann bin ich zufrieden. Toll wären fünf oder sechs Punkte. Und auch im Pokalspiel werden wir voll angreifen. Wenn wir gegen Göppingen gewinnen und dann Losglück haben, ist das Final Four drin. Das wäre super.

Interview: Stefan Rüter

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