„Man kann nicht bei Null anfangen“
Allgemein | 07. Okt 2015

Was kommt nach der Profi-Laufbahn? Vor dieser Frage stehen 95 Prozent aller deutschen Spitzensportler. Während eine kleine Gruppe von den Erträgen der ersten Karriere leben kann, steigt ein Großteil der ehemaligen Sport-Profis in ein neues Arbeitsleben ein. Moritz Schäpsmeier hat diesen Übergang als 30-jähriger Familienvater gut im Blick. Zwar will der Kapitän von Zweitligist GWD Minden noch einige Jahre Handball-Profi bleiben, wie er im MT-Interview betont. Dennoch bereitet Schäpsmeier sich nicht erst seit gestern auf seine berufliche Zukunft vor.

Nach dem Karriere-Ende kommt für viele Spitzensportler ein biografischer Bruch. Sind Sie darauf vorbereitet?
Das wird sich zeigen. Ich glaube, dass man das nicht vorhersehen kann. Man muss Augen und Ohren offen halten und sich zumindest allgemein vorbereiten. Aber es geht auch darum, Chancen und vielleicht auch den richtigen Zeitpunkt zu erkennen, wann man den Wechsel in ein anderes Berufsleben startet.

Haben Sie schon ein konkretes Ziel? Mit 30 kommt man ja schon mal ins Überlegen.
Es sollte jetzt eine solide Planung herrschen – eigentlich. In meinem Alter ist aber noch nicht exakt absehbar, wie lange ich noch spielen kann. Ich will das natürlich so lange wie möglich hinauszögern. Es macht mir Spaß, ich habe ein gutes Niveau erreicht. Und so lange mein Körper mitmacht, möchte ich auch noch spielen.

Wie viele Jahre geben Sie sich noch?
Rein biologisch würde ich sagen vier oder fünf. Aber wenn ich in zwei Jahren die Chance habe, etwas anderes zu machen, das gut ist und Sinn macht, muss man das natürlich ernsthaft überlegen.

Knüpft man während der Sport-Karriere Kontakte, die einem später nützen könnten?
Auf jeden Fall. Spitzensportler müssen über diesen Aspekt kommen. Sponsoren, Vereinsmitglieder, das ganze Umfeld muss man als Kontakt nutzen. Denn eines ist klar: Wir sind beim Karriere-Ende über 30. Andere, die früher eingestiegen sind, haben da schon zehn, 15 Jahre Berufserfahrung. Das ist ein Vorsprung, der einem gewisse Karriereschritte erschwert. Um auf einem gewissen Niveau einzusteigen, muss man seine Beziehungen nutzen.

Wann fängt man an, sich mit der zweiten Karriere zu beschäftigen?
Ich kann jedem nur raten, das früh zu tun. Die Vorbereitung auf das Leben nach dem Profisport muss sein, sonst schafft man es nicht. Man kann nach der Karriere nicht bei Null anfangen.

Wie war das bei Ihnen?
Ich habe mit 23 meine Ausbildung bei der Sparkasse begonnen und hätte das vielleicht sogar noch früher gemacht, aber ich war nach dem Abitur erst 23 Monate lang Sportsoldat. Ich bin zwar nicht zwingend ambitioniert, genau in dieses Berufsfeld zurückzukehren. Aber es ist eine Basis, auf der man aufbauen kann.

Ausbildung und Profisport, wie ging das zusammen?
Das war nicht einfach. Über verschiedene Kontakte und dank der Sparkasse ist es uns damals gelungen, einen Vertrag zu arrangieren, der mir genug Freiheiten einräumte, weiter Profi zu sein. Trotzdem hat die Ausbildung so stattgefunden, dass ich als Bankkaufmann vollwertig ausgebildet werden konnte. Das war vor allem am Anfang nicht leicht, weil Profisport und das Bankgeschäft völlig unterschiedliche Dinge sind.

Oft heißt es ja, Spitzensportler sind so fixiert, dass für andere Dinge gar kein Platz bleibt.
Phasenweise ist das auch so. Man muss schon eine gute Vorausplanung haben und kann nicht einfach in den Tag hineinleben. Man muss sich Ziele setzen, Zeitabschnitte planen – und trotzdem gibt es immer wieder Phasen, in denen man zwar Zeit hat, sich aber auf nichts anderes konzentrieren kann, weil einem noch das letzte Spiel durch den Kopf geht.

Aber es geht nicht 24 Stunden am Tag nur um Handball?
Nein. Es gibt solche Spieler, die nur Handball machen. Aber eine Vielzahl der Profis, die ich kenne, macht nebenher etwas anderes oder hat etwas gemacht. Und das funktioniert auch bei den meisten.

Und es tut ja auch ganz gut.
Genau. Es ist ganz wichtig, dass man zwischendurch mal das Visier öffnet und ein breiteres Spektrum abdeckt.

Wie sieht das der Verein?
Der unterstützt uns da total, in dieser Hinsicht ist GWD ein Vorzeigebeispiel. Sören Südmeier studiert in Hannover, Nils Torbrügge absolviert ein Fernstudium, muss aber hin und wieder für Klausuren nach Oldenburg. Die Spieler werden dafür freigestellt, da darf auch schon mal ein Training ausfallen. Das geht nicht bei jedem Verein. Aber GWD legt Wert darauf, dass die Spieler so etwas machen.

Tun Sie momentan etwas für die berufliche Zukunft?
Ich mache ein Fernstudium zum Wirtschafts-Fachwirt. Die Lernmodule werden über eine Internetplattform begleitet. Man muss aber selbst zusehen, dass man den Stoff lernt. Die Zwischenprüfung habe ich gemacht, als ich vor einem Jahr meinen Achillessehnenriss hatte. Wenn ich das nächste Mal eine Phase habe, in der ich mich auf solche Dinge konzentrieren kann, werde ich die Abschlussprüfung machen. Dafür habe ich jetzt fünf Jahre Zeit. Im Moment komme ich aber wegen Hausbau, Familie und Handball kaum dazu.

Nach dem Abstieg von GWD 2010 haben Sie sich mit dem Wechsel nach Großwallstadt bewusst entschieden, etwas anderes zu sehen. Hat Sie das auch in Richtung Zukunft weitergebracht?
Ich gucke schon mit einem Auge, ob ich auch im Handball mal etwas machen kann. Da hat mich der Wechsel auf jeden Fall weitergebracht. Bleibt man nur bei einem Verein, kennt man nur eine Sichtweise. Jetzt kenne ich zwei weitere und habe vor allem in Großwallstadt gesehen, wie das finanziell auch total in die Hose gehen kann. Magdeburg ist dagegen ein Paradeverein, auch wirtschaftlich gesehen. Das waren krasse Gegensätze. GWD liegt irgendwo in der Mitte. Wir sind gefestigt und solide, machen aber auch keine großen Sprünge.

Was ist für Sie im Handball vorstellbar. Trainer? Management? Berater?
Tendenziell würde ich mich im Management sehen. Konkrete Planungen gibt es da noch nicht, gesprochen haben wir darüber aber schon. Das liegt ja auch nahe. Ich bin von hier, kenne den Verein und kann mir das vorstellen. Der Verein kann sich auch vorstellen, dass ich so etwas einmal mache. Man muss einen Weg finden, wie so etwas ablaufen könnte – und sehen, ob das dann auch funktioniert.

Sind Sie neidisch auf Fußballer?
Das wäre zu viel gesagt. Klar hätte ich nichts dagegen, so viel wie sie zu verdienen. Wenn ich ein gleichwertiger Fußballer wäre, müsste ich mir wohl keine großen Gedanken über die Zukunft machen. Wer als Fußballer auch mit einem mittleren Gehalt seriös lebt, müsste eigentlich genug auf dem Konto haben. Aber ich kenne auch Statistiken, laut denen 80 Prozent der Profifußballer nach der Karriere pleite oder nicht lebensfähig sind.

Und Handballer schaffen den Übergang?
In der Regel schon. Denn allen ist klar, dass die Verdienste der Profi-Karriere nicht reichen werden. Es sind eigentlich alle, die ich so kenne, bemüht, sich ein zweites Standbein aufzubauen. Und es gibt ein paar Beispiele, die den kompletten Umstieg geschafft haben.

© Mindener Tageblatt – Sebastian Külbel

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